IAA Candy #2 mit Designer Stefan Sagmeister

Stefan Sagmeister eröffnete beim bis auf den letzten Platz gefüllten IAA Candy #2 mit „Now is Better“ einen ebenso inspirierenden wie differenzierten Blick auf unsere Gegenwart. Im Zentrum seines Vortrags, der diesmal in der Leica Galerie im ersten Wiener Gemeindebezirk stattfand, stand die Frage, warum wir die Welt oft pessimistischer wahrnehmen, als sie tatsächlich ist. Dabei verwies er unter anderem auf den „Optimism Gap“: das Phänomen, dass viele Menschen für ihr eigenes Leben positiver in die Zukunft blicken als für die Welt insgesamt. Zugleich, so Sagmeister, neigen wir dazu, uns selbst für reflektierter, ethischer und aufmerksamer gegenüber den Problemen der Zeit zu halten als andere – ein Widerspruch, der auch unseren gesellschaftlichen Blick prägt.
Anhand seines Projekts zeigte Sagmeister, dass Fortschritt vielfach nicht spektakulär, sondern leise, langfristig und dennoch tiefgreifend stattfindet. Besonders eindrucksvoll war seine Auseinandersetzung mit dem Zustand moderner Demokratien: Während vielfach der Eindruck herrscht, ihr Ende stehe bevor, zeigen historische Entwicklungen ein anderes Bild. Nie zuvor lebten so viele Menschen in demokratischen Systemen wie heute. Gerade diese Diskrepanz zwischen Wahrnehmung und Realität machte Sagmeister zu einem zentralen Gedanken seines Vortrags.
Schneller. Dichter. Negativer.
Als Grund dafür benannte er vor allem die Logik medialer Öffentlichkeit: Nachrichten sind schneller, dichter und negativer geworden – und unser Gehirn verarbeitet negative Botschaften stärker als positive. Krisen, Konflikte und Bedrohungen ziehen unsere Aufmerksamkeit unmittelbarer auf sich als langsame, strukturelle Verbesserungen. Genau hier setzt „Now is Better“ an: Mit der für ihn so charakteristischen Verbindung aus Daten, Gestaltung und kultureller Reflexion macht Sagmeister sichtbar, dass sich die Welt in vielen Bereichen verbessert hat – ob bei Gesundheit, Ernährung, Lebenserwartung, politischer Teilhabe oder gesellschaftlichen Freiheitsrechten. Fortschritt, so seine Botschaft, ist messbar, faktisch belegbar und Ergebnis jahrzehntelanger Anstrengung.
Besonders eindrucksvoll wurde dieser Gedanke dort, wo Sagmeister Statistik in Gestaltung übersetzt. Historische Bilder, Objekte und Installationen werden bei ihm zu Trägern von Daten, persönliche Familiengeschichte verbindet sich mit globalen Entwicklungen. So wird Design bei „Now is Better“ zum Kommunikationsraum für komplexe gesellschaftliche Zusammenhänge – und damit weit mehr als reine Formgebung. Sagmeister selbst versteht diese Arbeiten als Kommunikationsdesign im großen Maßstab: als Versuch, ein relevantes Thema sichtbar, verständlich und im öffentlichen Raum erfahrbar zu machen.
Now is Better. Zuversicht als Voraussetzung für Verantwortung.
Zugleich war sein Vortrag kein Plädoyer für Naivität, sondern für Balance. Die vielen negativen Nachrichten, so ließ Sagmeister erkennen, sind notwendig, weil sie Aufmerksamkeit schaffen und zum Handeln bewegen können. Werden sie jedoch zur dauerhaften Überforderung, kippen sie in Resignation. Gerade darin liegt eine der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit: Wenn Zukunft nur noch als Bedrohung erzählt wird, entsteht keine Handlungsenergie, sondern Lähmung. „Now is Better“ setzt diesem Mechanismus bewusst eine andere Perspektive entgegen – nicht, um Probleme kleinzureden, sondern um Zuversicht als Voraussetzung für Verantwortung und Veränderung zu stärken.
Sein Vortrag beim IAA Candy war damit weit mehr als eine Präsentation über Daten und Design. Es war ein eindrucksvolles Plädoyer für Langfristperspektive, für einen bewussteren Umgang mit medialer Negativität und für einen Optimismus, der nicht verklärt, sondern auf Erkenntnis, Differenzierung und gesellschaftlicher Verantwortung beruht. Oder, wie Stefan Sagmeister es sinngemäß anlegte: Die Welt kann zugleich schwierig und großartig sein – entscheidend ist, auf welcher Zeitskala wir sie betrachten.
„Negative Nachrichten sind wichtig, weil sie uns wachrütteln und dazu bringen können, für reale Probleme Verantwortung zu übernehmen. Wenn jedoch die permanente Zuspitzung überhandnimmt, entsteht nicht mehr Handlungswille, sondern Resignation. Genau darin liegt die Gefahr: Zu viel Negativität stärkt uns nicht, sie lähmt uns. Was wir brauchen, ist ein realistischerer, balancierter Blick auf die Welt – einer, der Probleme ernst nimmt, aber Fortschritt ebenso sichtbar macht“, sagte Stefan Sagmeister.
Schön zu hören war auch die Antwort auf die letzte Frage, die an Stefan Sagmeister gerichtet wurde: „Beschreibe den Rest deines Lebens in fünf Worten.“ – „Ich mach es in zwei Worten: weiter so.“
Wir danken Stefan Sagmeister für die tollen Insights und unseren Partner des Abends!
Vöslauer | Ottakringer | Weingut Bründlmayer sowie der Leica Galerie Wien


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